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Kollaborative Medienpädagogik – Open Source als neues Gestaltungsprinzip?

Open Source ist eine Form der gemeinsamen Entwicklung von Computerprogrammen. Näher betrachtet bietet es aber mehr als nur die Lösung eines Computerproblems, sondern eröffnet neue interessante Anknüpfungsmöglichkeiten für die (Medien-)Pädagogik.
Download des ArtikelsKollaborative Medienpädagogik – Open Source als neues Gestaltungsprinzip? Dieser Artikel erschien erstmalig auf Mekonet.de (03/2009)

Was ist Open Source?

Open Source ist ein Begriff, der seinen Ursprung in der Softwareentwicklung hat. Gemeint sind damit Programme, die nicht nur kostenlos verfügbar sind,
sondern durch die Offenlegung der Quellcodes auch verändert und beliebig oft weitergegeben werden können. Vielen Computernutzer(inne)n ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sie Open Source-Produkte verwenden. Eine große Verbreitung hat zum Beispiel Mozilla Firefox gefunden, ein kostenloser Internetbrowser. Diese kostenlose Verfügbarkeit wird von vielen Usern als Hauptmerkmal wahrgenommen. Das Prinzip von Open Source reicht jedoch wesentlich weiter. Open SourceProgramme sind nicht nur als ausführbare Anwendungen erhältlich, der User bekommt zusätzlich den Quellcode bzw. engl. Sourcecode (daher auch der Name Open Source). Damit hat er die Freiheit, die Funktionen des Programms zu studieren und sie selbst zu verändern.

Für den Bereich der Medienpädagogik ist aber nicht in erster Linie die technische Realisation von Programmen interessant, sondern die Art und
Weise der Zusammenarbeit bei der Entwicklung. Viele Open Source-Programme entstehen aus der einfachen Motivation heraus, ein individuelles Problem zu lösen (vgl. Grassmuck 2002, 235ff.). Dies kann zum Beispiel der Wunsch nach einem besseren Musik-Abspielprogramm sein. In den meisten Fällen entwickelt ein(e) Programmierer(in) ein erstes Konzept für ein Programm, das zwar noch nicht vollständig ausgearbeitet ist, aber im Wesentlichen seine Funktionen erfüllt. Um das Programm über das
Konzeptstadium hinaus zu entwickeln, sind jedoch weitere Arbeitsschritte notwendig: Die Gestaltung der Programmoberfläche, der Aufbau einer Projekt-Website, eine Bedienungsanleitung für den User usw. Dies kann selbst bei einem kleinen Projekt schnell zu einem hohen Arbeitsaufwand führen, den eine Person allein nicht in kurzer Zeit bewältigen kann. Da ein(e) gute(r) Programmierer(in) nicht unbedingt auch ein(e) gute(r) Grafiker(in) ist, braucht das Projekt auch weitere Expert(inn)en. In den meisten Fällen wird das Projekt deshalb in einschlägigen Foren bekannt gegeben und der Quellcode zur Verfügung gestellt. Eine Website bzw. ein Server dient als Kommunikationsplattform für die beteiligten Entwickler. Alle Programmbestandteile (Anleitungen, Grafiken, Quelltexte usw.) stehen dort
zentral zur Verfügung.

Das Prinzip der Kollaboration

Das Besondere an Open Source-Projekten ist vor allem die kollaborative  Arbeitsweise. Der Begriff Kollaboration leitet sich aus dem Lateinischen ab: co- = „zusammen-“, laborare = „arbeiten“. Obwohl der Begriff Kollaboration sehr nahe am Konzept der Kooperation liegt, unterscheiden sich die Begriffe doch in einem wesentlichen Aspekt: Beide bezeichnen erst einmal eine Form der Zusammenarbeit. Bei der Kooperation wird eine Aufgabe von der Teamleitung in Teilaufgaben zerlegt, die dann den einzelnen Gruppenmitgliedern fest zugewiesen werden. Die Teillösungen werden dann zum Schluss zusammengefügt. Bei der Kollaboration gibt es dagegen keine festgelegte Aufgabenzuweisung. Der Einzelne beschränkt sich nicht nur auf ein Aufgabengebiet, sondern arbeitet gemeinsam mit anderen wechselnd an verschiedenen Stellen innerhalb des Projektes. Eine Software verwaltet alle
Änderungen. Das bedeutetet, sie zeichnet alle Änderungen auf, die von jedem einsehbar sind, und schafft so eine Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Arbeitsabläufe. Durch die Offenlegung des Arbeitsprozesses wird es möglich, immer wieder die Perspektive zu wechseln und sich unterschiedlichen Aufgaben zuzuwenden. Da die Kollaboration das traditionelle Verständnis vom „eigenen“ Arbeitsbereich auflöst, kommt es in der Regel auch zu intensiven Diskussionen. Voraussetzung für eine gelungene Kollaboration ist also eine
hohe Bereitschaft zum gemeinsamen Diskurs.

Bei einer größeren Anzahl von Mitgliedern wird die Übersicht über die vielzähligen und komplexen Arbeitsprozesse immer schwieriger und es bedarf dann einer Projektkoordination. Diese kann von einigen besonders aktiven Mitgliedern übernommen werden oder es werden Personen gewählt, die diese Rolle wahrnehmen. Die Funktion der Projektkoordination ist weniger die Delegation von Aufgaben, sondern die Moderation der Teilnehmer(innen).

Ein Beispiel für eine solche Form der Zusammenarbeit ist die Online Enzyklopädie Wikipedia, die eine Plattform für das kollaborative Schreiben bietet. Menschen können in der Wikipedia gemeinsam Artikel schreiben und darüber diskutieren. Ein Artikel wird meist von einem Autor oder einer Autorin initiiert. In der Regel finden sich dann schnell andere Interessierte, die diesen Beitrag nach der ersten Veröffentlichung korrigieren, erweitern oder Nachfragen an den Autor oder die Autorin richten. Wer sich die Wikipedia-Seiten genauer anschaut, wird mit Sicherheit schon mal den Diskussions-Tab entdeckt haben. Darunter findet man eine Diskussions-Seite rund um einen Artikel. Hier werden Inhalte diskutiert, wie zum Beispiel zum integrierten Lernen. Es ist aber auch möglich, eigene Ideen und Korrekturen direkt einfließen zu lassen, ohne vorher eine Entscheidungsinstanz – in diesem Fall den/die Autor(in) des Artikels – bemühen zu müssen. Auf den ersten Blick erscheint das vielen wie ein „Reinpfuschen“ in die Arbeit eines anderen. Auf den zweiten aber bietet sich die Chance, durch diese Form der Zusammenarbeit und des Diskurses gemeinsam neue Ideen zu entwickeln. Egal ob Wikipedia oder Firefox, Texte oder Programme: Es sind „echte“ Gemeinschaftsprodukte!

Bedeutung von Open Source für eine kreative Medienbildung

Wie bereits aufgezeigt, verbirgt sich hinter dem Open Source-Prinzip eine komplexere Arbeitsform, als man vielleicht zu Anfang vermuten würde.Zielsetzung für die Medienbildung ist aber nicht ausschließlich die Entwicklung bzw. der Einsatz eines bestimmten E-Learning-Systems. Das wäre lediglich „Lernen mit Medien“. Medienbildung soll hier auch nicht reduziert werden auf die Softwareentwicklung. Vielmehr geht es darum, verfügbare Techniken und Arbeitsformen in bestehende Lernprozesse einzubinden, ganz im Sinne eines Medienmixes bzw. des Blended-Learning, um ein kollaboratives „Lernen über Medien“ zu ermöglichen.

In der Medienbildung bzw. in medienpädagogischen Projekten finden immer Lernprozesse statt, egal, ob solche Projekte im Kontext von freier Jugendarbeit, Schule oder anderen Institutionen verortet sind. Die Kollaboration könnte unterschiedliche Aspekte dieser Lernprozesse fördern. Auch wenn sich mittlerweile die Lernkulturen innerhalb der Bildungsinstitutionen langsam wandeln: In klassischen Lernsettings werden die Lernenden oftmals noch als defizitär gesehen, da sie etwas (noch) nicht wissen bzw. eine Fähigkeit nicht beherrschen (vgl. Röll 2005, 136). Aber auch den Lehrenden ergeht es nicht besser: Sie werden als vermeintliche Allwissende angesehen und sollen auf jede Frage eine Antwort liefern. Zudem befinden sich beide Seiten in einer Situation der Isolation, da sich alle Beteiligten – vor allem im schulischen Kontext – durch Einzelleistungen hervorheben müssen. Der Lehrende muss alleine einen Lernprozess planen, und die Lernenden den vorgegebenen Lernweg nachvollziehen. In einem kollaborativen Projekt gibt es diese Polarität nicht, da sich alle gleichberechtigt an einem Projekt beteiligen können. Jede(r) kann seine Kompetenzen einbringen und darauf aufbauend sich im Verlauf eines Projektes neue aneignen. Durch die starke soziale Interaktivität kann sich die Gruppe zudem als soziale Einheit wahrnehmen, in der nicht nur Lernprozesse von einer oder einem Lehrenden angestoßen werden, sondern auch gegenseitiges Lehren und Lernen forciert wird (peer education). Am Ende eines solchen Projektes steht neben dem Produkt auch eine soziale Wissenskonstruktion. Hier besteht die Chance, dass angeeignetes Wissen nicht träge bleibt, sondern auch auf andere Situationen übertragen werden kann. Der bzw. die Lehrende übernimmt innerhalb eines kollaborativen Projektes keine delegierende Funktion, sondern behält den Überblick über die Gesamtzahl der Einzelentwicklungen und versucht die Ideen und Meinungen innerhalb der Gruppe zu moderieren.

Perspektiven für eine kollaborative Medienpädagogik

Die Frage ist nun, wie sich die Kollaboration in der Praxis umsetzen lässt. Viele medienpädagogische Projekte beschäftigten sich mit dem Thema Video. Für die meisten Videoprojekte (aber auch Hörspiele, Fotostorys usw.), die im Rahmen von medienpädagogischen Projekten durchgeführt werden, bedarf es im Vorfeld eines Drehbuchs und eines Storyboards. Echtes gemeinsames Schreiben ist selbst dann schwierig, wenn man physisch an einem Blatt Papier sitzt. Es können meist nur Änderungen an einem gemeinsamen Punkt vorgenommen werden. Kollaborative Werkzeuge (wie zum Beispiel ein Wiki oder Google Text und Tabellen) ermöglichen gemeinsames Schreiben und Gestalten. Sie eröffnen zusätzlich viel mehr Menschen die Möglichkeit der Partizipation an einem Projekt. Man kann das Projekt aber auch in einer kleinen Gruppe durchführen.

Natürlich kann bei einem Videoprojekt nur jeweils einer filmen und eine bestimmte Anzahl von Personen vor der Kamera stehen. Dieser Abschnitt würde sich eher durch eine kooperative Arbeitsform auszeichnen. Aber ein wichtiger Schritt, die Gestaltung des Drehbuchs und des Storyboards, kann in kollaborative Arbeitsweise erfolgen.

Natürlich wird ein solches Open Source-Projekt kein Selbstläufer sein. Voraussetzung ist eine gute Vorbereitung auf Seiten der Lehrenden, aber auch auf Seiten der Lernenden. Die Probleme liegen vor allem in der scheinbaren Beliebigkeit der Mitarbeit. Jeder kann an allem mitarbeiten. Zudem muss berücksichtigt werden, dass die kollaborative Arbeitsweise für viele Menschen am Anfang sehr irritierend wirkt. Die stete Nachvollziehbarkeit des Einzelnen und das Fehlen der klaren Aufgabenaufteilung kann auch frustrierend wirken. Es bedarf daher vor allem am Anfang eines kollaborativen Prozesses eines methodischen Trainings für alle Beteiligten, das die Bereitschaft, gemeinsam zu handeln, trainiert, aber auch für Regeln der Diskussion und Kritik sensibilisiert. Im schulischen Kontext stellt sich darüber hinaus die Frage nach den Bewertungsmöglichkeiten, da die Einzelleistungen nicht mehr so deutlich nachvollziehbar sind.

Das scheinbar ausschließlich Computer zentrierte Thema Open Source beinhaltet also mehr als nur die Lösung eines technischen Problems. Vielmehr verbirgt sich dahinter die Chance auf eine effektive Form der Zusammenarbeit, die sich nach einer noch zu vollziehenden Adaption auch für andere Bereiche der Medienbildung nutzen lässt. Man kann hier fast schon von einer Medienkompetenz „Open Source“ sprechen, eine kollaborative Medienkompetenz oder auch eine spezifische Lernkompetenz, die es zu entdecken und auszubauen gilt. Und wer sich anschaut, wie Jugendliche die Kommunikationsmöglichkeiten, die insbesondere das Web 2.0 bietet, für sich nutzen, der findet hierfür ermutigende Anknüpfungspunkte für eine Medienpädagogik 2.0.

Literatur

Grassmuck, Volker (2002). Freie Software. Bonn: Bundeszentrale für
politische Bildung (bpb)
Röll, Franz Josef (2005). Visionen neuen Lernens. In: Pöttinger, Schill, Thiele
(Hrsg.) Medienbildung im Doppelpack (134-148) Gesellschaft für
Medienpädagogik und Kommunikationskultur in der Bundesrepublik
Röll, Franz Josef (2003). Pädagogik der Navigation. München: kopaed

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Über den Autor

Johannes Klas

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